Hermann Billing und das erste Automatenrestaurant in Karlsruhe
Mit Sicherheit ist die Hofapotheke in der Karlsruher Stadtmitte das auffälligste Bauwerk Hermann Billings in diesem Straßenabschnitt der Kaiserstraße. Inmitten der Gebäudezeile, die vom Wiederaufbau der Nachkriegszeit und halbherzigen Wiedergutmachungsversuchen diverser Entwurfsathleten des Bausektors geprägt ist, behauptet sich das Gebäude wie ein Zeitzeuge einer kreativen Baukultur.
Der Apotheker Bauherr Friedrich Stroebe beauftragt den Architekten Hermann Billing mit dem Neubau eines repräsentativen Geschäfts- und Wohnhauses. Bislang steht an der Ecke Kaiser- /Waldstraße ein zweigeschossiges Gebäude aus dem 18. Jh. Das prestigeträchtige Bauwerk befindet sich auf einem spitzwinklig zugeschnittenen Grundstück. Damit ergibt sich für Billing eine reizvolle Aufgabe, die sich auch dadurch auszeichnet, dass neben der Hof-Apotheke bis zu sechs Ladengeschäfte und vier Mietwohnungen nebst der Wohnung des Eigentümers im vierten OG und im Dachgeschoss Zimmer für Dienstmädchen und Ladenangestellte in diesem Gebäude untergebracht werden. Billing hat gegenüber seinem Bauherren 1901 seine Pflicht erfüllt und das Gebäude fertig stellen lassen. Doch nicht nur das: an der Stelle, an der heute ein Regenschirmgeschäft Kunden mit seinen Spezereien versorgt, ist um die Jahrhundertwende ein Automatenrestaurant eingerichtet.
Es ist das erste seiner Art in Karlsruhe. Es wirbt damit, dass der Kunde zwar kein Trinkgeld an die Angestellten zu zahlen, jedoch sich selbst „zu bedienen“ hat. Für die Zeit um 1900 war dies ziemlich ungebräuchlich. Die Hemmschwelle des Kunden, der dieses neue Restaurant betreten soll, wird schon durch den ebenerdigen und nach innen verzogenen Eingangsbereich genommen. Die Außenwerbung ist im Geschmack des Jugendstils gestaltet – damals also top-modern. Selbst die Fensterrahmen und –sprossen sind für damalige Verhältnisse zierlich gestaltet und vermitteln auf diese Weise Transparenz nach außen und Licht nach innen.
Damals wirbt die Restauration mit Postkarten um Kundschaft, zeigt die tadellos zusammengestellte Einrichtung mit damals modernen Möbeln des Jugendstils. Gegen Bezahlung des entsprechenden Geldes kann sich der Kunde aus den entsprechenden Fächern und Kannen bedienen. Die Angestellten in diesem Arbeitsbereich hatten lediglich Waren nachzufüllen, Tresen und Böden sauber zu halten. Fast-food also. Ob „fast-food” mit „junk-food” (junk = Müll) gleichzusetzen war?
Die um diese Jahrhundertwende entstandene Reformbewegung, die sich für eine gesunde Ernährungsweise einsetzte, bediente sich gerne der Sprache und Bilder des Jugendstils. Corporate Identity, die heute noch taugt und bekannt ist: „Weleda“ ist ein Beispiel dafür. Aus der Reformbewegung entstanden die ersten Reform-Häuser. Ob das Essen im Automaten-Restaurant das hielt, was „Jugendstil“ versprach, liegt im Dunkeln.
Die Gasträume sind im Vergleich zum Automatenbereich ziemlich schlicht gehalten. Elektrischer Strom versorgte die Leuchten mit Energie. Mit der Qualität der heutigen Beleuchtung ist die der Jahrhundertwende (eher zu kleine Funzeln für diese Räume) jedoch nicht zu vergleichen.
Die Qualität des Gebäudes liegt auch in der Gestaltung seiner Außenfassade im Erdgeschossbereich. 15 Schaufenster und Eingänge im EG variieren in Breite, Höhe und Form in siebenfacher Weise. Kurz nach Fertigstellung veröffentlicht die führende Kunstzeitschrift des Jugendstils. Die „Deutsche Kunst und Dekoration“, eine Reihe von Aufnahmen des Gebäudes. Den zeitgenössischen Kollegen erscheint der Bau als Meilenstein in Billings Werk und Entwicklung.
Das Automatenrestaurant bekam bald eine Filiale. Der sogenannte „Residenz-Automat“ wurde in der Karl-Friedrich-Straße 32 eröffnet.
Im zweiten Weltkrieg brennt der obere Teil des Billingschen Gebäudes aus, wird jedoch wiederhergestellt. Bei einer behutsamen Außenrenovierung werden Vergoldungen an der Kaiserstraße rekonstruiert. Wichtige Fenstersprossen, die für den Gesamteindruck wichtig sind, blieben in den Obergeschossen erhalten.
(Text: Wolfgang Vocilka)




