Ernst von Rebeur-Paschwitz oder Die Karlsruher Sternwarte im Erbprinzengarten
Im Januar ´08 erhielten wir einen Leserbrief aus Straßburg. Die E-Mail erstaunte uns anfänglich, stammt er doch aus dem „Institut de physique du globe de Strasbourg”. Der Tipper der Mail fragte bei uns an, ob wir Bildmaterial an ihn senden könnten, da er sich für die Geschichte des Karlsruher Observatoriums im Nymphengarten interessiert. Bass erstaunt antworteten wir, dass wir uns selbstverständlich darum bemühen werden. Schließlich erfuhren wir von unserem neuen Kontakt aus dem – ich muss mich wiederholen, es klingt einfach so schön! – „Institut de physique du globe de Strasbourg” etwas Neues, was zum Schreiben dieses Artikels animierte. Aber dazu später.
Zwecks Recherche mussten einige Websites und im großartigen Fundus Herrn Reicherts (Astronomische Vereinigung Karlsruhe e. V.) geblättert werden. Dafür vielen Dank, Herr Reichert!
Den Beginn der Astronomischen Forschung in unserer Region kann man ins Jahr 1752 legen. In diesem Jahr wird der Mathematiker und Astronom Christian Mayer an die Universität Heidelberg berufen. Karl Theodor, Kurfürst von der Pfalz, zeigt großes Interesse an den Naturwissenschaften und lässt sich von Mayer dazu überreden, ein Observatorium im Schwetzinger Schlossgarten errichten zu lassen. Nach der französischen Revolution änderten sich politische Kräfte in Deutschland und seit Napoleon hatte sich der politische Schwerpunkt der Region nach Karlsruhe verlagert.
Zwischenzeitlich hatte sich die Mannheimer Anlage in mancherlei Hinsicht als unzulänglich erwiesen. So bestanden schon seit 1824 Pläne, die Sternwarte nach Karlsruhe zu verlegen. 1847 erarbeiteten Eisenlohr und der Baumeister Heinrich Hübsch einen Kostenvoranschlag für den Umzug und die Neubau-Installation. Doch dann kamen die Unruhen der Revolution von 1848 dazwischen, und das Projekt wurde zu den Akten gelegt.
1857 traf Eisenlohr den Astronomen Argelander und besprach mit ihm die Möglichkeit, die Mannheimer Sternwarte wieder zu eröffnen. Sie sollte zudem mit einem größeren Teleskop und einer Drehkuppel ausgerüstet werden. Großherzog Friedrich I zeigte großes Interesse; die Stände bewilligten die Mittel. Im Frühjahr 1859 wurde dann der 6-Zoll-Refraktor bei Steinheil in München bestellt. Doch die schlechte Lage in Mannheim und der abgetane Bau ließen deshalb Mitte der sechziger Jahre neue Wünsche für eine Verlegung aufkeimen.
Großherzog Friedrich I. genehmigt 1880 den Umzug der Sternwarte nach Karlsruhe und stellt für eine provisorische Unterkunft den Erbprinzengarten, der heute Nymphengarten heißt, zur Verfügung. Der ehemalige Hofastronom in Mannheim, Herr Valentiner, wurde nun Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe. Er und der großherzogliche Baurat Lang fertigten gemeinsam die Pläne für die neue Karlsruher Sternwarte an. Die Karlsruher Sternwarte sollte nicht nur wissenschaftlichen Beobachtungen dienen. Sie sollte zudem die Badischen Eisenbahnen und die Schwarzwälder Uhrenindustrie mit der genauen Zeit versorgen. Bei diesem Zeitdienst übermittelte die Warte Zeitsignale telegraphisch an speziell dafür vorgesehene Stationen.
Nun ein kleiner Ausflug nach Strasbourg. Ein berühmter Mitarbeiter in der Sternwarte war Ernst von Rebeur-Paschwitz. Er promovierte 1883 in Berlin und arbeitete anschließend an den Observatorien in Berlin und in Karlsruhe, wo er an der Vermessung von Sternpositionen und von Sternabständen in Sternhaufen arbeitete. 1888 musste er jedoch seine Assistentenstelle wegen seiner Erkrankung an Tuberkulose aufgeben.
Neben seiner Arbeit war die Verbesserung eines Horizontalpendels seine Passion, das eigentlich für die Messung von Lotrichtungsänderungen durch den Einfluss astronomischer Körper konstruiert war. Ein Horizontalpendel stand dann in Potsdam, wo Ernst von Rebeur-Paschwitz 1889 die Bodenbewegung eines in Japan aufgetretenen Erdbebens aufzeichnen konnte. Dies war die erste Erfassung eines Fernbebens überhaupt. Eine weitere Fernbebenregistrierung gelang ihm drei Jahre später in Straßburg. 1892 wurde nämlich das Horizontalpendel in Straßburg (so schrieb man das damals) installiert. Es war ein verhältnismäßig kleines Gerät von ca. 40cm Durchmesser mit einem einzigen Pendel, das in horizontaler Ebene schwingen konnte. Somit kann von Rebeur-Paschwitz als einer der Väter der modernen Seismologie betrachtet werden. Das führte dazu, dass Strasbourg ein Welt-Zentrum für Seismologie wurde. Und das wissen wir von unserem neuen Kontakt aus dem Institut de physique du globe de Strasbourg, Monsieur Frechet.
Doch in Karlsruhe blieb es beim Provisorium. Für den endgültigen Standort der Sternwarte werden 1885 drei Vorschläge diskutiert: das Gelände der Karlsruher Hofdomäne nördlich des Schlosses zwischen Moltke- und Bismarckstraße, das Gelände des damaligen Polytechnikums und der Königstuhl bei Heidelberg. Letztenendes entscheidet man sich für den Königstuhl.
Seit 1895 war die neue Sternwarte auf dem Königstuhl bei Heidelberg im Bau und 1897 erfolgte der Umzug der letzten Karlsruher Gerätschaften. Am 20.6.1898 fand die feierliche Einweihung der Warte statt. Der Sechszöller stand dort zum Ausmessen von Sternhaufen, zu Lehr- und Übungszwecken benutzt bis er 1924 außer dienst gestellt wurde.
Die Landessternwarte auf dem Königstuhl konnte nichts mehr mit dem Teleskop anfangen und bot es 1957 schließlich den Badischen Gymnasien zum Geschenk an. Oberstudienrat Hildebrandt am Max Planck-Gymnasium setzte sich persönlich dafür ein, dass das Instrument wieder nach Karlsruhe zurückkehrt. Er ließ den Refraktor auf dem Dach des Max-Planck-Gymnasiums in Rüppurr aufstellen. Am 11. Mai ´59 war es soweit: die Schulsternwarte des Max-Planck-Gymnasiums wurde eingeweiht.
Seit dem Frühjahr 1979 betreibt die Astronomische Vereinigung Karlsruhe die “Volkssternwarte Karlsruhe” auf dem Max-Planck-Gymnasium und benutzt dabei das nunmehr über hundert Jahre alte Linsenfernrohr und hält es instand.
(Text: Wolfgang Vocilka)

Lage der provisorischen Karlsruher Sternwarte im Erbprinzengarten (aus einem Stadtplan von ca. 1895, Stadtarchiv)

Horizontalpendel nach Rebeur-Paschwitz um 1892 (Museum Rebeur-Paschwitz)

Fernbebenregistrierung in Straßburg vom 19.12.1892 (Museum Rebeur-Paschwitz)

Karlsruher Refraktor nach der Neumontierung 1885 mit Mitgliedern der Herstellerfirma Boecker und Fecker. (Foto: Besitz der Fa. Leitz)
